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Der Karmelitenorden und seine säkularen Lebensformen. Eine Einführung

Inhalt

Vorwort

Geschichte des Karmelitenordens

Die Karmelitinnen

Der Dritte Orden

Die Struktur des Dritten Ordens

Die Spiritualität des Karmelitenordens

Der Orden ist elianisch.

Der Orden ist marianisch.

Das Skapulier als Kleid Mariens und die Skapulierbruderschaft

Der heilige Josef

Die Karmelheiligen

Hymnus „Flos Carmeli“

Gebet zur seligen Jungfrau vom Berge Karmel

Literatur

(…)

Vorwort

Liebe Freunde des Karmel,

wir geben Ihnen diese kleine Schrift in die Hand. Sie soll einer ersten Orientierung über den Karmelitenorden und seine traditionsreichen säkularen Lebensformen dienen. Frau Hilbig und ich möchten Ihnen damit den Zugang zu einem Leben in der Karmelfamilie erleichtern.
Wir hoffen, dass Ihnen diese bescheidene Einführung helfen möge, Ihren Weg zu finden: einen Weg, der zu Gott selber führt.
Ihnen allen sagen wir Dank für Ihr Vertrauen.

Köln, den  7. Oktober 1996
Gedenktag U. L. F. vom Rosenkranz

[Unterschrift:] Pater Reinald Knibbeler O.Carm

Geschichte des Karmelitenordens

Der Karmel ist ein Bergrücken an der Mittelmeerküste in Palästina. Hier lebten der Prophet Elija, der geistige Vater der Karmeliten, sein Nachfolger Elischa und zahlreiche Prophetenjünger (vgl. 1 Kön ff).

Die Kirchenväter sehen in Elija das Vorbild der Eremiten. Zur Zeit der Kreuzzüge ließen sich Pilger und Kreuzfahrer als Einsiedler auf dem Karmel nieder. Nach einiger Zeit schlossen sie sich zu einer losen Gemeinschaft zusammen. In der Nähe der Elijaquelle bauten sie eine Kapelle zu Ehren der Jungfrau Maria, ihrer „Patronin“, und nannten sich „Brüder Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel“. Zwischen 1206  und 1214 gab ihnen Albert Avogadro, der Patriarch von Jerusalem, auf ihre Bitte hin eine Lebensregel. In den nächsten Jahren nahm jedoch die Bedrohung durch die Sarazenen zu. Um das Jahr 1238 kehrten daher erstmals Karmeliten nach Europa zurück. Sie ließen sich anfangs in ihren Heimatländern nieder, u. a. auf Zypern und Sizilien, in England und später auf dem europäischen Festland.

Bald zeigte es sich jedoch, dass Eremitengemeinschaften ihren Lebensunterhalt in abgelegenen Gegenden nicht bestreiten konnten. 1247 wurde in Aylesford (England) ein Generalkapitel einberufen und Papst Innozenz IV. gebeten, der neuen Situation durch eine Modifizierung der Lebensregel Alberts Rechnung zu tragen. Mit seiner Bulle (feierlicher päpstlicher Erlass) „Quae honorem conditoris“ vom 1.10.1247 bestätigte der Papst definitiv die Regel Alberts und passte sie zugleich den Gegegebenheiten an. Die Karmeliten waren nun als Orden anerkannt. In ihrer Lebensweise glichen sie sich mehr und mehr den Mendikanten (Mitglieder der Bettelorden) an und übernahmen aktive Seelsorge in den Gemeinden, ohne das kontemplative Element aufzugeben. Die volle Anerkennung als Mendikanten erlangten die Karmeliten 1298 durch Papst Bonifaz VIII..

In Deutschland, Belgien und den Niederlanden waren bereits kurze Zeit nach dem Generalkapitel in Aylesford erste Klostergründungen erfolgt, und zwar in Köln (1249), Würzburg (1252), Brüssel und Haarlem (1259), Boppard (1265), Frankfurt (1270), Mainz (1285) sowie vielen weiteren Städten. Schon im Jahre 1281 (Generalkapitel in London) gab es in Westeuropa zehn Ordensprovinzen. 1348 zählte man in Deutschland, Belgien und den Niederlanden 35 Klöster, die in die Oberdeutsche und die Niederdeutsche Provinz aufgeteilt wurden. Das alles bezeugt die starke Anziehungskraft des Karmelitenordens, der ja erst etwa hundert Jahre zuvor nach Europa gekommen war.

Die Karmelitinnen

Der weibliche Zweig des Ordens („Zweiter Orden“) entstand im 15. Jahrhundert, als der Kardinal-Legat Nikolaus Cusanus in Deutschland und in den Niederlanden tätig war. Dieser ordnete 1451 an, dass sich alle ohne Regel lebenden weiblichen Gemeinschaften einem Orden anschließen müssten. Das war praktisch vielerorts bereits geschehen. Von der Anordnung des Kardinals waren besonders die Beginen in den Ländern um den Niederrhein betroffen. Sie trugen geistliche Tracht, befolgten eine Hausregel und leisteten ihrer Oberin Gehorsam, legten jedoch keine Gelübde ab. Im Mai 1452 hielt der damalige Ordensgeneral Johannes Soreth (1394-1471) in Köln ein Provinzkapitel ab. Ihn baten die Beginen von „Ten Elsen“ in Geldern (Flandern), die bereits von Karmeliten betreut wurden, um offizielle Aufnahme in den Karmel. Johannes Soreth unterstützte diese Bitte und bat die römische Kurie um Bestätigung. Papst Nikolaus V. erlaubte in seiner Bulla „Cum nulla fidelium“ vom 7.10.1452, Frauenkonvente und auch einzelne Frauen in den Karmel aufzunehmen und ihnen eine feste Lebensform zu geben. Mit dieser Bulle war der weibliche Zweig des Ordens offiziell errichtet. Er breitete sich rasch aus. Noch im Jahre 1452 wurde in Florenz eine Frauengruppe in den Karmel aufgenommen. Es folgten weitere Gründungen in ganz Norddeutschland, Belgien, Holland, Italien und Spanien. Das Kloster „von der Menschwerdung“ in Avila, in das später Teresa von Avila eintrat, wurde im Jahre 1478 gegründet.

Johannes Soreth betreute viele Klöster – besonders im Nordwesten Europas – persönlich und gab ihnen spirituell wie auch materiell eine gesunde Basis. Er beauftragte mehrere Karmeliten, in Zusammenarbeit mit den Provinzialen Regel und Konstitutionen zu übersetzen und letztere der Lebensweise von Frauen anzupassen. Er selbst stellte mit der seligen Franziska Amboise eine Lebensregel für ein Kloster in der Bretagne auf. Die Schwestern lebten in Klausur.

Im Karmelitenorden kam es im Laufe der Jahre auch immer wieder zu Reformen. Besondere Bedeutung gewannen die Reform von Mantua und die Reform des seligen Johannes Soreth.

Am 24.8.1562 gründete die Karmelitin Teresa von Avila ein Reformkloster, in dem die Nonnen in voller Strenge ohne die gewährten Milderungen lebten. Weitere Gründungen folgten, auch am 28.11.1568 die eines ersten Männerklosters mit Johannes vom Kreuz. Die Reform breitete sich rasch aus. Es entstand der selbständige Ordenszweig der „Unbeschuhten Karmeliten“ (heute „Teresianischer Karmel“ genannt). Im Stammorden kam es zu weiteren Reformen, unter denen die von Touraine am wichtigsten war.

Der Dritte Orden

Beim „Dritten Orden“ handelt es sich um die älteste Form, außerhalb der Klausur karmelitanisch zu leben. Die Anfänge reichen bis in die Frühgeschichte des Ordens im Abendland zurück. Frauen, die den Reichtum und die Bedeutung der Karmelspiritualität für ihr persönliches Leben entdeckt hatten, stellten sich unter die geistliche Leitung von Karmeliten, ließen sich nicht selten auch in der Nähe der Klöster nieder – als Einzelne wie auch in Gemeinschaften, so die bereits erwähnten „Beginen“ in Belgien und in den Niederlanden, die „Beaten“ in Spanien und die „Mantellaten“ in Italien. Es gab Unterschiede im Grad des Anschlusses an den Orden und in der Lebensstrenge. Die Bulle „Cum nulla fidelium“ wird als Gründungsurkunde auch für den Dritten Orden angesehen, da Johannes Soreth auch Konstitutionen für klösterliche Gemeinschaften aufstellte, die nur die Gelübde der Keuschheit und des Gehorsams ablegten, so dass man hier von klausurierten „Terziaren“ (Drittordensmitgliedern) sprechen kann.

Erst der 28.11.1476 jedoch gilt als Tag der formellen Errichtung des Dritten Ordens, als nämlich Papst Sixtus IV. in seiner Bulle „Dum attenta“ alle dem Karmel gewährten Privilegien bestätigte. In dem päpstlichen Dokument ist erstmals von verheirateten Drittordensmitgliedern die Rede. Eine klare Unterscheidung zwischen im Kloster und in der Welt lebenden Terziaren wurde erst 1516 in der Bulle Leos x. „Dum intra“ getroffen. Gab es anfangs nur weibliche Drittordensmitglieder, so kamen später auch Männer hinzu. Um 1637 erließ der Ordensgeneral Theodor Stratius eine einheitliche Regel für den gesamten Dritten Orden, die eine deutliche Nachahmung der ursprünglichen Karmelregel war. Auch spätere Regeln bewahrten alle wesentlichen spirituellen Elemente der Regel des hl. Albert von Jerusalem.

Die Struktur des Dritten Ordens

(Das Folgende bezieht sich nicht auf die „regulierten Dritten Orden“ mit klösterlicher Gemeinschaft, sondern auf den ältesten weltlichen Ordenszweig.)

Terziaren sind echte Ordensmitglieder, jedoch keine Ordensleute. Sie wollen aufgrund einer besonderen Berufung durch Gott die Spiritualität des Karmel im säkularen Raum verwirklichen, in allen Lebensständen und allen Lebensbereichen. Dabei haben sie Anteil an den geistlichen Gütern des Ordens, zu deren Mehrung auch sie beitragen sollen.

Die zuständige Autorität für die Terziaren ist die Heilige Kongregation für die Ordensleute. „Der Generalprior des Ordens ist der geistliche Vater, das Haupt und Band der Einheit für die ganze Karmelfamilie; ihm kommt es zu, auch das geistliche Wohl des Dritten Ordens sicherzustellen und mittels eines Generaldelegaten sein Wachstum und seine Lebensfähigkeit zu fördern“ (1).

Die Mitglieder bilden Gemeinden und treffen sich regelmäßig. Der geistliche Assistent einer Gruppe soll nach Möglichkeit ein Karmelit sein.

„Der Eingliederung in den Karmel in der Welt soll ein halbes Jahr Prüfungszeit vorausgehen. Das Noviziat, das mit der feierlichen Überreichung des Skapuliers beginnt“ (2), dauert wenigstens ein Jahr. „Es steht jedem Kandidaten frei, sich einen eigenen Ordensnamen zu wählen. Am Ende des Noviziats folgt das Treueversprechen, die Profess, die durch Gelübde des Gehorsams und der standesgemäßen Keuschheit bekräftigt werden kann“ (3).

In Ausnahmefällen, vor allem bei zu großen Entfernungen, ist eine Zulassung zum Dritten Orden ohne Anschluss an eine Gemeinde möglich. Solche Terziaren leben nach der Regel und unter der Leitung der Ordensoberen oder ihres Beichtvaters.

Die Mitglieder nehmen nach Möglichkeit täglich an der hl. Eucharistie teil, beten das Offizium (Laudes, Vesper und Komplet) und mühen sich um ein Leben des Gebetes und des Zeugnisses für Gott – in enger Verbundenheit mit Maria, der Mutter und Zierde des Karmel.

Die Spiritualität des Karmelitenordens

In der Lebensregel des Dritten Ordens lesen wir: „Im mystischen Leib Christi, der die Kirche ist, hat der eine und selbe Geist immer wieder eine Vielfalt von Gaben und Charismen hervorgerufen, wie z. B. die verschiedenen Ordensfamilien… Einige Laien nehmen aufgrund einer besonderen Erwählung und Berufung am Charisma solcher Ordensfamilien teil. Die Kirche selbst prüft die Charismen und lädt ermutigend dazu ein, sich alle Mühe zu geben, um sich die besondere Ausprägung geistlichen Lebens getreulich anzueignen“ (4).

Das Ideal der Karmeliten wird verkörpert durch zwei Persönlichkeiten: durch den Propheten Elija und die Gottesmutter Maria. Das Lebensprogramm der Ordensmitglieder lässt sich auf die Kurzformel bringen:

Leben vor Gott – für die Menschen – mit Maria.

Der Orden ist elianisch.

Zwei Wahlsprüche kennzeichnen den „Führer und Vater der Karmeliten“:

„Gott lebt, vor dessen Angesicht ich stehe“ – „Vivit Deus, in Cuius conspectu sto“ (1 Kön 17, 1).

„Ich eifere für den Herrn, den Gott der Heerscharen“ – „Zelo zelatus sum pro Domino Deo exercituum“ (1 Kön 19, 14).

Es ist jener doppelte Geist, den sich Elischa von dem scheidenden Propheten erbat: der Geist des Stehens vor Gott und des Eifers für die Sache Gottes.

Stehen vor Gott

Gott sprach zu Abraham: „Geh einher vor meinem Antlitz! Sei ganz!“ (Gen 17, 1) Elija bezieht gleichsam dieses Wort auf sich und setzt das gläubige Bekenntnis hinzu: „Es lebt der Herr“. In Einsamkeit, Schweigen und Askese reift Elija zu einem geeigneten Werkzeug JHWHs heran. Er weiß sich stets unter dem Blick Gottes und erwidert ihn in ehrfürchtiger Liebe. Das Gespräch des Propheten mit dem Herrn reißt nie ab. Elija verwirklicht in hervorragender Weise, was später im ersten Psalm gesagt werden wird: „Selig der Mann, der … seine Freude hat am Gesetz des Herrn, bei Tag und Nacht über seinem Gesetze sinnt.“ Dieser Aufruf zu unablässigem Gebet fand Eingang in die Karmelregel und wurde zu ihrem Kernsatz (Kapitel 7): „Ein jeder soll allein in seiner Zelle oder in deren Nähe bleiben und bei Tag und Nacht das Gesetz des Herrn betrachten und im Gebete wachen, wenn er nicht auf andere Weise rechtmäßig beschäftigt ist“ (5).

Eifer für die Sache Gottes

Die stete Verbundenheit mit dem Herrn führt Elija dazu, auf dessen leisesten Wink zu achten. Er gehorcht, er dient mit all seiner Kraft. Immer wieder holt ihn Gott aus der Einsamkeit und sendet ihn zu seinem Volk, das im Götzendienst zu versinken droht. Bis zum Äußersten beansprucht er ihn. Elija erlebt vielfältige Gefahren und Verfolgungen. Er wird auch gequält von Selbstzweifeln, sieht er doch oft nur ein kleines Stück des Weges vor sich. Aber als der Herr ihn auf dem Horeb fragt: „Was tust du hier, Elija?“, kann er antworten: „Ich bin voll Eifer für die Sache des Herrn, des Gottes der Heerscharen“ (1 Kön 19, 9-10). Dieser Satz wurde zum Wappenspruch der Karmeliten.

Der Orden ist marianisch.

Das Gottesurteil auf dem Berg Karmel hat die Nichtigkeit des Baalskultes erwiesen (vgl. 1 Kön 18, 1-39). Nachdem das Volk bekannt hat: „Der Herr ist Gott!“, steigt Elija auf den Gipfel des Karmel und betet um Beendigung der Dürre. Nach siebenmaliger Bitte steigt „eine Wolke aus dem Meere auf, so klein wie eine Menschenhand … Nicht lange danach verfinsterte sich der Himmel, und es fiel ein starker Regen“ (1 Kön 18, 44-45). Viele Schrifterklärer sehen in jener Wolke ein Symbol der jungfräulichen Fruchtbarkeit Mariens und der Menschwerdung. „Wie ein fruchtbarer Regen aus der Wolke, so ist aus Maria die erlösende Gnade, Jesus Christus, der Heiland, auf die dürstende Erde gekommen“ (6).

Im 12. Jahrhundert wird Maria zur Patronin und Namensgeberin für jene Gemeinschaft von Eremiten, die ihr zu Ehren eine Kapelle gebaut haben. Der Orden Mariens entsteht, und bis heute lautet sein offizieller Name: „Brüder und Schwestern Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel“. Immer neue Titel geben die Karmeliten Maria. Sie verehren sie als „Mutter des Karmel“, als ihre „Schwester“, als „Zierde“ und schließlich als „Königin des Karmel“. Die Jahrhunderte hindurch gilt ihnen Maria als Vorbild in ihrer Innerlichkeit, in ihrem Hören auf Gottes Wort, ihrer demütigen Bereitschaft zur Mitarbeit am Erlösungswerk Christi, zum Dienst an den Brüdern und Schwestern – gerade, weil sie total ausgerichtet ist auf den Herrn, der die Liebe ist.

Maria „ist … uns in der Ordnung der Gnade Mutter“ (7). Die kindliche Liebe zu Maria ist in der Ordenstradition fest verankert, wie alle Karmelheiligen bezeugen. Schon um 1370 sagt Johannes von Hildesheim, dass es die „Aufgabe des Karmelitenordens in der Kirche sei, die Liebe Jesu zu seiner Mutter zu vergegenwärtigen“ (8). Die Terziarin Maria Petyt spricht von einer geheimnisvollen „Verbindung der ganzen Seele mit Gott und Maria, so als ob diese drei – Gott, Maria und die Seele -, in eins zusammenflössen.“ Dies scheint ihr „das Höchste, wozu die Seele in diesem marienförmigen Leben kommen kann“ (9) – „Jesus und Maria seien in Ihren Seelen“, schreibt einmal Johannes vom Kreuz an die Schwestern in Beas (10). Titus Brandsma sagt: „Wir Karmeliten müssen andere Marias, andere Theotokoi sein, auch in uns muss Gott geboren werden! Auch bei Maria hat das Innewohnen Gottes zum demütigen und liebevollen Dienst an den Mitmenschen geführt, so muss auch unsere Vereinigung mit Gott sich in Werken der Nächstenliebe offenbaren“ (11). Erinnern diese Worte nicht an Elija, dessen flammender Eifer seiner tiefen Verbundenheit mit Gott entsprang?

Das Skapulier als Kleid Mariens und die Skapulierbruderschaft

Das „Hochfest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel“ am 16. Juli wird auch „Skapulierfest“ genannt. Die Skapulierfrömmigkeit hat ihren Ursprung in einer Vision des Ordensgenerals Simon Stock. Nach der Überlieferung soll er am 16. Juli 1251 die Gottesmutter um Hilfe für den Orden gebeten haben, der sich nach der Übersiedlung nach Europa in einer Existenzkrise befand. Maria sei ihm erschienen, habe ihm ein Skapulier (Schulterkleid, Teil des Ordensgewandes) gezeigt und gesagt: „Dies sei ein Vorrecht für dich und alle Karmeliten; wer darin stirbt, soll nicht im ewigen Feuer leiden“ (12).

Die Erscheinung ist historisch nicht nachweisbar, gleichwohl wurde das in diesem Zusammenhang ausgesprochene Privileg für die Karmeliten durch zahlreiche Päpste bestätigt. Wesentlich ist, dass die geistliche Botschaft der Vision von der Kirche stets gutgeheißen wurde. Sie fand im Karmelitenorden und darüber hinaus rasche und weite Verbreitung, zumal auch die Laien, welche sich dem Orden angeschlossen hatten, das Kleid Mariens zu tragen wünschten. So entstanden – besonders in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts – zahlreiche Skapulierbruderschaften. Ihre Mitglieder erhielten ein kleinformatiges Skapulier, das unter der Kleidung zu tragen war.

Worin ist der eigentliche Sinn der Skapulierfrömmigkeit zu sehen? Das Skapulier ist ein von der Kirche empfohlenes Sakramentale, Zeichen der Weihe und Hingabe an die Mutter und Königin des Karmel. Wer in sich den Ruf zu dieser Hingabe spürt, vertraut sich Maria an und schließt einen Bund mit ihr. Er strebt danach, mit dem beständigen Blick auf sie und unter ihrer Führung ein Leben nach dem Evangelium zu führen, um gleichsam „den Herrn Jesus Christus anzuziehen“ (Röm 13, 11-14) und in Liebe den Menschen zu dienen. Maria wiederum begleitet ihn (selbst über den Tod hinaus) mit ihrem Beistand. Das Skapulier ist ein kleines, an sich unscheinbares Zeichen, doch steht es für die Wirklichkeit, dass der ganze Mensch eingehüllt ist in die mütterliche Liebe und Sorge Mariens. In einem Rundschreiben zur Siebenhundertjahrfeier der Skapuliervision sagte Pius XII. (1950):

„Das heilige Skapulier, als das Kleid der seligsten Jungfrau, ist wahrhaftig ein Zeichen und Unterpfand ihres Schutzes. Doch dürfen diejenigen, die dieses Kleid tragen, nicht glauben, dass sie das Heil auf träge und nachlässige Weise erreichen können; mahnt doch der Apostel: ‚Wirket euer Heil in Furcht und Zittern!‘ (Phil 2, 12).

Für alle Karmeliten …, wie für die Mitglieder des Dritten Ordens … und für die Mitglieder der Skapulierbruderschaft, die alle durch eine besondere Liebe der einen Familie der allerseligsten Jungfrau angehören, sei dieses Gedenkzeichen Mariens ein Spiegel der Demut und Reinheit und in seiner Einfachheit eine Mahnung zu Bescheidenheit. Dieses Kleid … sei ihnen vor allem ein sprechendes Symbol der Gebete, mit denen sie immerdar die göttliche  Hilfe anflehen. Es sei schließlich für sie jene Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens, die Wir erst kürzlich wieder eindringlich empfohlen haben“ (13).

(Anmerkung: Offensichtlich sah Pius XII. die Skapulierfrömmigkeit in engem Zusammenhang mit den Ereignissen in Fatima, wo am 13.10.1917 Maria als Karmelmuttergottes erschienen war. 1944 schrieb er das Fest des Unbefleckten Herzens Mariä für die ganze Kirche vor. Am 31.10.1942 hatte er aus Anlass der Fatimafeiern die ganze Menschheit dem Unbefleckten Herzen Mariä geweiht. Johannes Paul II. erneuerte am 13.5.1982 in Fatima diese Weihe.)

Das Skapulier ist das Zeichen der Ordenszugehörigkeit. Bei der Aufnahme in den Dritten Orden bzw. in die Skapulierbruderchaft wird es feierlich überreicht. Die Aufgenommenen haben nun als Mitglieder der Karmelfamilie Anteil an seinen geistlichen Gütern.

Das Skapulier wird Tag und Nacht getragen. Pius X. erlaubte ihm Jahre 1910, das braune Stoffskapulier durch eine Medaille zu ersetzen, die auf der einen Seite eine Herz-Jesu-Darstellung, auf der anderen das Bild der Karmelmadonna trägt.

Für die Mitglieder der Skapulierbruderschaft ist erwünscht, dass sie täglich Maria durch ein bestimmtes Gebet ehren, z.B. durch den Rosenkranz, den „Engel des Herrn“ oder durch drei Aves zu Ehren des  Unbefleckten Herzens Mariä. Auch sollten die Marienfeste – vor allem das Hochfest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel (16. Juli) bewusst begangen werden.

Der heilige Josef

Der heilige Josef, Patron der Kirche, ist auch der besondere Patron des Karmel. Die Liebe zu Maria und  zu ihrem Gemahl gehören von Anfang an im Orden zusammen. Schon bald nach der Ankunft der Karmeliten in Europa nahm dort die Verehrung des heiligen Josef deutlich zu. Es waren Karmeliten, die erstmals ein vollständiges eigenes Offizium zu Ehren des heiligen Josef zusammenstellten.

Einen starken Aufschwung der Josefsverehrung erfuhr der Orden durch Teresa von Avila. Von den siebzehn Reformklöstern, die sie gründete, stellte sie elf unter das Patronat des heiligen Josef. Sie wurde nicht müde, seine Verehrung zu üben und zu fördern. Teresa sagt: „Wenn du auch viele Heilige zu Fürbittern hast, so verehre doch als solchen ganz besonders den heiligen Josef, denn er erlangt viel von Gott“ (14). … „Ich erinnere mich nicht, ihn bis jetzt um etwas gebeten zu haben, was er mir nicht gewährt hätte. … Anderen Heiligen scheint der Herr die Gnade gegeben zu haben, nur in einem bestimmten Anliegen helfen zu können; diesen glorreichen Heiligen aber habe ich in allen Stücken als Nothelfer kennengelernt“ (15). Teresa rät allen, die ein innerliches Leben führen wollen, den heiligen Josef als Führer zu nehmen.

Noch zahlreiche andere Karmelheilige hegten eine große Liebe zum heiligen Josef. Er ist allen ein Vorbild

  • in seiner tiefen Liebe zu Jesus und Maria,
  • in seinem demütigen, verborgenen Leben in Nazareth,
  • in seinem Hören auf Gott und in seiner Bereitschaft, dem Willen Gottes zu folgen,
  • in seinem Vertrauen und seinem Starkmut,
  • in seiner treuen Pflichterfüllung im Alltag,
  • in seiner Reinheit.

Der Evangelist nennt den heiligen Josef „gerecht “ (Mt 1, 19). Von Josef gilt in hervorragender Weise, was Paulus sagt: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben“ (Röm 1, 17).

Die Karmelheiligen

Im Laufe der Jahrhunderte brachte der Karmelitenorden eine Vielzahl von Heiligen hervor. Ihr Lebensbeispiel und ihre geistliche Lehre sind eine reiche Quelle der Inspiration nicht nur für die Ordensmitglieder, sondern für die ganze Kirche.

Hier finden wir Teresa von Avila, die 1970 als erste Frau zur Kirchenlehrerin erklärt wurde, die große Lehrmeisterin des Gebetes und der Freundschaft mit Gott, aber auch Mirjam von Abellin, jene demütige arabische Analphabetin, die durch zahlreiche Gnadengaben ausgezeichnet war und uns eine besondere Liebe zum Heiligen Geist vorlebte. Wir finden den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz, der als „doctor mysticus“ weltweite Anerkennung erfährt (selbst bei den östlichen Religionen) und den von Kindheit an eine tiefe Marienfrömmigkeit beseelte. Wir finden ebenso den schlichten Karmelitenbruder Lorenz, den keine Beschäftigung aus seiner tiefen Verbundenheit mit Gott reißen konnte und der vielen Menschen Führer zum unablässigen Gebet wurde. Da ist Therese von Lisieux, die Heilige des Vertrauens und des „Kleinen Weges“, und Elisabeth von Dijon, deren Leben inmitten großer Leiden ein einziges Lob des dreifaltigen Gottes war. Titus Brandsma ist uns Vorbild in seinem unerschrockenen Einsatz für Wahrheit und Freiheit angesichts gottfeindlicher Ideologien, Edith Stein in ihrer heroischen Hingabebereitschaft, die für ihr Volk in den Tod ging.

Auch unter den Terziaren finden wir  zahlreiche heiligmäßige Menschen wie Angela de Arena und die Mystikerin Maria Petyt. Die selige Terziarin Josefa Naval Girbes zeichnete sich durch eine innige Marienliebe aus. Dabei widmete sie sich unermüdlich apostolischen und sozialen Aufgaben in ihrer Pfarrei.

Die große Originalität der Karmelheiligen zeigt, welchen Reichtum die Spiritualität des Ordens in sich birgt. Ein jeder sprach und lebte sein ganz persönliches „Fiat“ und zeigte so gleichsam eine Facette unendlich vieler Möglichkeiten der Christusnachfolge.

Flos Carmeli

Flos Carmeli
vitis florigera,
splendor caeli
Virgo puerpera
singularis.
Mater mitis,
sed viri nescia,
carmelitis
esto propitia,
stella maris.

Radis Jesse
germinans flosculum,
nos adesse
tecum in saeculum
patiaris.
Inter spinas
quae crescis lilium,
serva pura
mentes fragilium,
tutelaris!

Armatura
fortis pugnantium,
furunt bella,
tende praesidium
scapularis.
Per incerta
prudens consilium,
per adversa
iuge solatium
largiaris.

Mater dulcis,
Carmeli domina,
plebum tuam
reple laetitia
qua bearis.
Paradisi
clavis et janua,
fac nos dulci
quo, Mater, gloria
coronaris. Amen.

***

Blume auf Karmels Höh’n,
Weinstock, an Blüten reich,
Zierde des Himmels;
Mutter und Jungfrau gleich,
du einzig Hehre.
Du gute Mutter,
du nur vom Geist erkannt:
uns Karmeliten
reich deine Hand,
o Stern des Meeres.

Reis, das aus Jesse sprosst,
Blüte, die uns erfreut,
steh uns zur Seite
jetzt und in Ewigkeit,
du treue Jungfrau.
O schöne Rose,
die unter Dornen steht.
Urbild der Reinheit,
die nie vergeht,
sei unsre Schutzfrau!

Zuflucht im Erdenstreit,
Festung im Sturmgebraus,
hilf uns im Kampfe.
Breite den Mantel aus
und wehr dem Feinde.
In aller Trübsal
schenke uns Trost und Rat;
führe die Deinen
auf sichrem Pfad,
o kluge Jungfrau.

Mutter und Königin,
Ursprung der Seligkeit,
Zierde des Karmel.
Füll uns das Herz mit Freud
ob deiner Größe.
Des Himmels Pforte
tu uns, o Mutter, auf,
dass deine Brüder
den Erdenlauf
bei Gott vollenden. Amen.

Hymnus am Hochfest U. L. F. vom Berge Karmel

Gebet zur seligen Jungfrau vom Berge Karmel

O allerseligste, unbefleckte Jungfrau, Zierde und Glanz des Berges Karmel, du blickst mit besonders gütigem Auge auf den, der mit deinem gesegneten Gewand bekleidet ist. Blicke gnädig auch auf mich und umhülle mich mit dem Mantel deines mütterlichen Schutzes. Stärke meine Schwäche mit deiner Macht, erleuchte die Finsternisse meines Geistes mit deiner Weisheit, vermehre in mir den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Hilf mir, deinem Sohn Jesus stets treu zu sein. Stehe mir bei im Leben, tröste mich im Tod mit deiner liebenswürdigen Gegenwart und stelle mich der Heiligsten Dreifaltigkeit vor als dein Kind, um dich im Himmel zu loben und zu preisen. Amen.

__________

Anmerkungen

1) III. Orden der Oberdeutschen Provinz (Hrsg.): Die Regel des III. Ordens der Seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel, Bamberg 1979, S. 13/14

2) ebd. S. 22

3) ebd. S. 22

4) ebd. S. 7

5) Niederdeutsche Provinz der Karmeliter (Hrsg.): Karmeliter, Verlag Karmelstimmen, Kamp-Lintfort 1980, S. 6

6) S. V. Dorner: Das Skapulier, Wien 1987, S. 12

7) Rahner/ Vorgrimler: Kleines Konzilskompendium, Verlag Herder, Freiburg 1966, „Lumen gentium“, S. 192

8) Deutscher Karmel (Hrsg.): Karmel, Gesetz und Geheimnis, Verlag Wienand, Köln 1959, S. 48

9) ebd. S. 50

10) ebd. S. 52

11) ebd. S. 169

12) O. Schneider: Das heilige Skapulier, Marianischer Verlag, Innsbruck 1951, S. 17

13) ebd. S. 8

14) P. A. Alkofer (Hrsg.): Die Seelenburg der heiligen Theresia von Jesu, Verlag Kösel, München, 7. Aufl. 1984, S. 340

15) P. A. Alkofer (Hrsg.): Das Leben der hl. Thersia von Jesu, Verlag Kösel, München,  2. Aufl. 1952, S. 66

___

Quelle: Maschinenskript von Dorothea Hilbig T.O.Carm. (†)

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Ein Kommentar zu “Der Karmelitenorden und seine säkularen Lebensformen. Eine Einführung

  1. Liebe Brüder und Schwestern, ich bedanke mich vielmals,für diesen ausführlichen Einblick,durch Gebete und Vidios. Ich wurde durch eure wunderbaren Gebete ,die Ich mitbetete ,stark in die Gegenwart Gottes versetzt. Mein Wunsch währe , mal persöhnlich, auf dem Berg Karmel an der Gemeinschaft Teil zu nehmen .Im schweigen ,Gebet und Arbeit. Herzliche Grüße ,in der Liebe Jesu und der Mutter Maria verbunden. Rosa -Maria.

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