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Das Leben des heiligen Josef

Das Leben des heiligen Josef.

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Geburt, Beruf, Vermählung.

Der Name Josef bedeutet soviel als Wachstum oder Vermehrung, was im geistigen Sinne auf den hl. Josef sofern passt, als er mit dem Alter in der Tugend wuchs und Gott immer wohlgefälliger wurde. Josef stammte aus der königlichen Familie Davids, denn im Geschlechtsregister Jesu Christi ist er als Nachkomme Davids angeführt.1 Sein Geburtsort war das kleine Städtchen Nazareth in Galiläa. Es lässt sich das daraus schließen, weil er dort 2 gewohnt und weil er von dieser Stadt den Namen hatte. Sein Vater hieß nach dem Evangelisten Matthäus Jakob.3 Wenn ihn der Evangelist Lukas Heli nennt,4 so erklärt es sich daraus, dass Josef entweder der an Kindesstatt angenommene Sohn Helis oder sein Schwiegersohn war.5 Die Mutter Josefs wird nirgends genannt.

Seinem Berufe nach war er ein Handwerker, und zwar ein Zimmermann.6 Der hl. Justinus, der Märtyrer († 167), berichtet, Josef habe in Holz gearbeitet und Pflüge verfertigt, und Jesus habe ihm bisweilen geholfen. Nach dem hl. Ambrosius († 397) fällte er Bäume und verrichtete verschiedene Arbeiten des Zimmerhandwerkes. Auch der hl. Thomas von Aquin nennt ihn einen Zimmermann.7

Josef war mit Maria, der Tochter Joachims und Annas, verlobt.8 Die Verlobung war erfolgt, bevor der Erzengel Gabriel Mariä erschien und ihr die Botschaft brachte, dass sie vom heiligen Geiste empfangen werde.9 Die Ehe zwischen Josef und Maria war eine ganz jungfräuliche und doch wahre Ehe. Josef wird der Mann Mariens genannt,10 Maria die Frau Josefs.11 Eheleute können auf ihr gegenseitiges Recht verzichten, ohne dass sie deswegen aufhören würden, Eheleute zu sein. Ähnliche Beispiele finden sich auch sonst in der Geschichte. So sehen wir eine hl. Cäcilia mit ihrem Gemahl Valerian, eine hl. Kunigunde mit dem Kaiser Heinrich, eine Pulcheria mit Marzian in jungfräulicher Reinheit leben.12 Nach der Überlieferung hatte Maria in der frühesten Jugend das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt. Das Gleiche lehren die Väter auch vom hl. Josef. Als Begründung fügt Thomas von Aquin hinzu: „Da der Herr seine Mutter, die Jungfrau, nur dem jungfräulichen Johannes empfehlen wollte, wie hätte er es gestatten können, dass ihr Bräutigam nicht jungfräulich gewesen und jungfräulich geblieben wäre.“13

Dass Josef und Maria sich vermählten, trotzdem sie entschlossen waren, jungfräulich zu leben, geschah aus göttlicher Eingebung. Maria und ihr Kind sollten einen Ernährer und Beschützer haben, Maria zudem vor dem üblen Rufe gewahrt bleiben, dem sie ausgesetzt werden musste, wenn sie unverehelicht Mutter geworden wäre. Auch die Ehre Jesu Christi forderte es, dass man ihn nicht für einen außer der Ehe Geborenen ansehe und verachte. Dass Josef und Maria jungfräulich blieben und doch vermählt waren, ist auch darin begründet, dass sie ein Vorbild werden sollten für Jungfrauen und Eheleute.14

Wir können uns nun leicht vorstellen, von welcher Unruhe und Beängstigung Josef erfüllt war, als Maria Mutter werden sollte. Von der Erscheinung des Erzengels Gabriel, der Maria die Botschaft brachte, dass sie vom heiligen Geiste empfangen werde, hatte sie Josef nichts erzählt. Die Begebenheit war von so außerordentlicher Art, dass sie dieselbe nicht mitteilen konnte, ohne dafür eine andere Gewährleistung zu haben, als ihr bloßes Wort. Sie überließ in ihrer Demut Gott dem Herrn die Offenbarung des großen Geheimnisses. Josef stelle auch keine Fragen an sie; dazu war seine Herzensreinheit zu erhaben und er war zusehr von der Unschuld Mariens überzeugt. Darum wollte er Maria nicht bei Gericht anzeigen und sie der öffentlichen Schande preisgeben. Da er sich aber die Erscheinung nicht erklären konnte, ging er nach langem inneren Kampfe mit dem Gedanken um, in der Stille den Ehevertrag zu lösen. Da erschien ihm ein Engel und offenbarte ihm: „Fürchte dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen, denn was in ihr ist, ist vom heiligen Geiste. Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von dessen Sünden.“ Nun war Josef vollkommen beruhigt, betete voll des Dankes die unerforschlichen Wege der göttlichen Vorsehung an und behielt, der Weisung des Engels gemäß, Maria bei sich.15

Die Reise nach Bethlehem, die Geburt und Beschneidung Jesu, die Anbetung der Weisen.

Inzwischen war die Zeit herangerückt, wo Maria Mutter werden sollte. Damit die Verheißung des Propheten Michäas, dass der Weltheiland zu Bethlehem im Stamme Juda geboren werden wird,<sup>16</sup> sich erfülle, fügte es die göttliche Vorsehung, dass der römische Kaiser Augustus eine Volkszählung anordnete. Alle Untertanen seines Reiches sollten sich an dem Orte, dem sie durch die Abstammung angehörten, aufschreiben lassen. Da nun Josef und Maria aus dem Hause Davids waren, David aber aus Bethlehem stammte, begaben sie sich nach Bethlehem, um sich dort in die Stammregister eintragen zu lassen. Da sich Maria in gesegneten Umständen befand, nahm Josef nach der Überlieferung einen Esel mit, auf den sich Maria setzte, und außerdem ein Stück Rind, um es in Bethlehem zu verkaufen und mit dem Erlös die Steuer zu zahlen.17 Auf dem Wege gedachten sie der alten Weissagungen und ihrer wunderbaren Erfüllung und priesen die Güte und Weisheit Gottes. Nach einer dreitägigen beschwerlichen Reise langten sie in Bethlehem an, wo sie jedoch wegen Überfüllung mit Fremden und wegen ihrer Armut weder in der öffentlichen Herberge, noch sonst irgendwo ein Nachtlager fanden. Da erinnerte sich Josef, dass außerhalb der Stadt ein Stall sich befinde, der den Hirten und Herden bei ungünstiger Witterung Schutz gewährte, und begab sich mit Maria dahin. Hier war es nun, wo die reinste Jungfrau des Nachts den verheißenen Erlöser der Welt gebar, in Windeln wickelte und auf das in der Krippe befindliche Stroh legte.18 Ein Bett war nicht vorhanden, und eiskalte Luft durchzog die Höhle. Nach der Überlieferung nahm Josef seinen Mantel und deckte das göttliche Kind unter Tränen zu. Auch die Hirten, die in der Nähe von Bethlehem bei ihren Herden Wache hielten, und, von einem Engel gemahnt, nach Bethlehem gekommen waren, um das göttliche Kind anzubeten,19 konnten der Armut der heiligen Familie nicht abhelfen. Doch freute den hl. Josef die Liebe dieser guten Menschen, ihre Andacht und Einfalt.

Acht Tage waren seit der gnadenreichen Geburt des Welterlösers verstrichen. Nun sollte das Kind nach dem mosaischen Gesetze beschnitten und ihm ein Name gegeben werden. Mit tiefster Ehrfurcht und dem innigsten Mitleide vollzog wahrscheinlich Josef selbst die vorgeschriebene Handlung, nannte das Kind dem Auftrage des Engels gemäß „Jesus“,20 das ist Heiland, und bewahrte mit größter Verehrung die kostbaren Blutstropfen auf, die schon damals der Erlöser für uns vergoss.

Margaretha vom heiligsten Sakramente [Marguerite Parigot, 1619-1648, Karmelitin von Beaune, Frankreich. GMM] erkannte in ihren Beschauungen, dass Josef das göttliche Kind bis zu seiner Darstellung im Tempel, das ist vierzig Tage lange, im tiefsten Stillschweigen, im Gebete und in der Entzückung über die Geheimnisse Gottes bei der Krippe verharrte.21

Als die vierzig Tage verstrichen waren, begaben sich Josef und Maria nach Jerusalem, um das Opfer darzubringen, welches für die Mütter, die nach der Geburt eines Kindes als unrein gehalten und gereinigt werden sollten, vorgeschrieben war, nämlich ein Lamm als Brandopfer und eine Turteltaube oder eine junge Taube als Sündopfer. Wenn jemand zu arm war, um ein Lamm sich zu verschaffen, konnte er zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben, die eine als Brand-, die andere als Sündopfer darbringen.22 Da Maria vom heiligen Geiste empfangen hatte, und vor und nach der Geburt Junfrau geblieben war, bedurfte sie einer Reinigung nicht, unterzog sich aber trotzdem derselben aus Demut und Gehorsam. Weil sich aber Josef und Maria nicht den Anschein reicher Leute geben wollten, kauften sie in Jerusalem kein Lamm, sondern nur zwei Täubchen, begaben sich in den Tempel und verrichteten das vorgeschriebene Opfer.23 Als die Feierlichkeit zu Ende war, kam der greise Simeon, dem es vom heiligen Geiste geoffenbart war, dass er nicht sterben werde, bis er den sehnsüchtig erwarteten Messias gesehen haben würde, herbei, nahm das Jesuskind auf die Arme und sprach mit freudeerfülltem Herzen: Nun lässest du, o Herr, deinen Diener im Frieden aus der Welt scheiden, nachdem seine Augen denjenigen gesehen haben, de allen Völkern das Heil bereiten wird, der gekommen ist, auch die Heiden, die in der Unwissenheit der Finsternis schmachten, zu erleuchten, und dem Volke Israels, aus dessen Mitte er hervorgegangen ist, zur Ehre und Verherrlichung gereicht. Josef und Maria wunderten sich darüber, dass die hohe geistige Bestimmung des Kindes von so verschiedener Seite und so gleichförmig bezeugt wurde, und lobten und priesen Gott. Allein Simeon verkündete zugleich aus göttlicher Erleuchtung, dass nicht alle Jesum als den Heiland der Welt anerkennen, sondern viele ihm widersprechen, ihn verwerfen und sich dadurch ins Verderben stürzen werden. Darüber werde Maria einen so tiefen Seelenschmerz empfinden, dass es scheinen wird, als hätte ein Schwert ihr heiliges Herz durchbohrt.24 Gewiss erfüllte diese Weissagung nicht bloß Maria, sondern auch Josef, der gleich ihr für die Ehre Gottes eiferte und die Rettung der Menschen sehnlichst wünschte, mit Betrübnis und Schmerz.

Indessen wurde dem Jesuskinde eine neue Huldigung zuteil. Es kamen heidnische Weise aus dem Morgenlande, die nach einer alten Überlieferung Könige waren und deren Zahl auf drei angegeben wird, von einem wunderbaren Sterne geleitet, nach Bethlehem, huldigten dem neugeborenen Könige der Juden und brachten ihm nach morgenländischer Sitte verschiedene Geschenke dar: Gold, Myrrhe und Weihrauch.25 Josef und Maria freuten sich, dass sich der Heiland der Welt nicht bloß den Juden, sondern auch den Heiden offenbare, und priesen Gott mit dankerfülltem Herzen. Nun begann aber die Leidensschule für die heilige Familie. Als der grausame König von Judäa, Herodes der Große, von der Geburt des von Juden und Heiden erwarteten Königs hörte, wurde er eifersüchtig und fürchtete den Thron zu verlieren, darum stellte er dem Jesuskinde nach dem Leben.26

Flucht nach Ägypten und Rückkehr nach Nazareth.

Um den Nachstellungen des  Herodes zu entgehen und das seiner Obhut anvertraute göttliche Kind in Sicherheit zu bringen, floh Josef im Auftrage des Engels mit Maria in das ferne land Ägypten,27 das nicht unter der Herrschaft des Herodes stand und wo er für das Kind nichts zu fürchten hatte. Was die heilige Familie auf der Reise litt, ist in der Schrift nicht aufgezeichnet; in den Offenbarungen der Heiligen aber finden wir diesbezüglich mehrere Aufschlüsse. Josef hatte als Lasttier einen Esel mitgenommen, den Maria mit dem Jesuskinde bestieg. Sorgfältig vermieden sie die Heerstraßen und die bewohnten Ortschaften und wählten einsame Pfade, um den Nachstellungen zu entgehen. Bald führte der Weg über steile Anhöhen, bald durch dunkle Wälder, bald durch die Wüste. Nachdem die mitgenommenen Nahrungsmittel ausgegangen, waren sie auf die Mildtätigkeit guter Leute und die göttliche Vorsehung angewiesen. Als sie nicht weit von Hebron in einer Höhle übernachteten, und sie der Durst quälte und Josef vergebens nach einer Quelle forschte, sieh, da rieselte auf das Gebet der gebenedeiten Mutter aus dem Boden der Höhle Wasser hervor.28

Als sie später alle Spur und Richtung verloren hatten, da sprossten beiderseits des Weges Rosen von Jericho hervor, mit ihren krausen Zweigen und der Blume in der Mitte, und zeigten ihnen den Weg.29 Von diesen Rosen stehen noch jetzt viele auf dem Wege, und die Araber verkaufen sie den Christen um Brot. Am Gebirge Seir nahmen sie, ohne es zu wissen, Herberge bei einer Räuberfamilie, die sie gastfreundlich aufnahm und ihnen nichts zuleide tat, weil der Anblick des göttlichen Kindes sie gerührt hatte. Die Frau des Hauses reichte ihnen Speise und Trank und brachte auf die Bitte der heiligen Jungfrau Wasser in einem Gefäße zum Baden des Jesuskindes. Als auch ein aussätziges Kind der Räuberfamilie in diesem Wasser gewaschen wurde, ward es wieder gesund. Dieses Kind soll Dismas, der rechte Schächer am Kreuze, gewesen sein.30

Die Beschwerden der Reise die ungefähr vierzig Wegstunden betrug, musste auch Jesus empfinden. Das harte Nachtlager, der rauhe Wind, Kälte, Hunger und Durst erpressten manches Tränlein dem göttlichen Kinde. Josef und Maria waren darüber von tiefem Mitleid erfüllt und suchten das Leiden des ihnen anvertrauten gottmenschlichen Kindes auf jede Weise zu lindern. Josef legte sich verschiedene Entbehrungen auf, um Maria und Jesus zu schützen.31

Nach der langen beschwerlichen Reise erreichte die heilige Familie das ägyptische Dorf Matarea, nahe bei Heliopolis (in Unterägypten zwischen dem Nil und dem Roten Meer), heute Matarieh, das ist frisches Wasser, genannt. Nahe dem Dorfe stand ein wilder Feigenbaum, unter dessen Schatten Josef mit Maria und dem Jesuskinde sich niederließ. Der altehrwürdige Baum steht noch und wird von den Arabern und Fellahs (die ackerbautreibende Bevölkerung) Ägyptens hoch verehrt. Jeder Pilger will vom Baume Blätter oder Holzsplitter zum Andenken mitnehmen. Unweit dem Feigenbaum fließt eine Quelle, aus der die heilige Familie trank. Ein Pilger aus Ulm (in Württemberg), der im Jahre 1483 diesen Ort besuchte, erzählt in kindlicher Weise: „Da Josef durch die Wüste war kommen bis hieher in das Dorf, in dem Ägypterland anhebt, da zog der gute Josef mit dem Kinde und der Mutter von einem Haus zum andern und hätte gern einen Trunk Wassers gehabt für sich und seine Gesellschaft. Da hat sich Maria mit dem Kinde in dem Dürsten (durstig) niedergesetzt hier an diesem Ort und Josef mit großem Mitleid stand da. Also ist in der Stund der Brunn da entsprungen … Aus dem trank sie (Maria) und das Kind und kochten davon.“32

Nachdem sich die heilige Familie erquickt und von der Müdigkeit erholt hatte, zog sie in die Stadt Heliopolis. Da stürzten die Götzenbilder der Sonnenstadt zu Boden, und es erfüllte sich die Weisssagung des Propheten Jeremias: „Der Herr wird zerbrechen die Säulen des Hauses der Sonne in dem Lande Ägypten und wird die Tempel der Götter Ägyptens niederbrennen mit Feuer“ (K. 13, 13). Daher hatten die Ägypter Ehrfurcht vor den Fremdlingen und erwiesen ihnen Gastfreundschaft, so dass Josef nie genötigt war, Lebensunterhalt zu erbetteln.33 Indessen wurde dem hl. Josef der Aufenthalt in der Stadt immer schwieriger, weil ihn der greuliche Götzendienst anwiderte. Darum kehrte er in das Dorf Matarea zurück, wo er nach der Überlieferung in einem kleinen Hause in großer Dürftigkeit lebte. Er arbeitete gleich einem Taglöhner, um der Familie das tägliche Brot zu verdienen, während Maria nähte, stickte, Teppiche flocht und das Hauswesen besorgte. „Da sie arm waren“, bemerkt der hl. Basilius, „ist es augenscheinlich, dass sie sich beschwerlichen Arbeiten widmen mussten, um sich das Nötige zu beschaffen.“

Seit der Ankunft der heiligen Familie in Ägypten waren zwei, nach anderen fünf Jahre verstrichen. Nun erhielt Josef von einem Engel im Traumgesichte den Auftrag, in das Land Israel zurückzukehren, denn Herodes und seine Helfershelfer, die Jesus nach dem Leben stellten, waren gestorben. In freudigem Gehorsam bereitete Josef mit Maria alles vor, um die Reise in die geliebte Heimat anzutreten. Da sie keine Nachstellungen mehr zu fürchten hatten, reisten sie auf der großen Landstraße, die von Ägypten nach Judäa führte. Daselbst angelangt, hätte sich Josef gerne in Bethlehem niedergelassen, das durch die Geburt des Weltheilands geheiligt war und wo sein Ahne David gelebt hatte; als er aber hörte, dass Archelaus über Judäa herrsche, der seinem Vater Herodes an Grausamkeit ähnlich war, fürchtete er sich, dahin zu gehen, und begab sich, einer göttlichen Weisung gemäß, in seinen früheren Wohnort Nazareth in Galiläa, das unter der Herrschaft des mildern Statthalters, Herodes Antipas, stand.34

Das Haus zu Nazareth.

Josef richtete in Nazareth seine Werkstätte wieder ein und arbeitete unverdrossen, um Maria und d e n zu ernähren, der allen Geschöpfen das Leben gibt und erhält. Maria sorgte für den Haushalt und die Pflege ihres geliebten Kindes, das mit dem fortschreitenden Alter immer deutlicher die ihm innewohnende göttliche Weisheit und die auf ihm ruhende göttliche Gnade offenbarte.35

Als Jesus das zwölfte Jahr erreicht hatte, zog auch er mit seinem Nährvater und seiner Mutter, die dem Gesetze gemäß36 jährlich zum Osterfeste nach Jerusalem pilgerten, in die heilige Stadt, um die Festfeier zu begehen. Die heilige Familie betrat mit großer Ehrfurcht den Tempel und brachte das vorgeschriebene Opfer dar. Wie wir voraussetzen dürfen, kaufte Josef ein fehlerloses, einjähriges Lamm und ließ es im Tempel vom Priester schlachten und opfern; aus demselben bereitete er dann das Ostermahl, an dem Maria, Jesus und die nächsten Anverwandten teilnahmen. Als das Fest, das sieben Tage dauerte, vorüber war, kehrten die Pilger in die Heimat zurück. Der Ordnung und Erbauung wegen zogen sie abteilungsweise in Prozession aus der Stadt, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Jünglinge mit Jünglingen…, betend und Psalmen singend, so dass die einzelnen Familien aufgelöst waren. So geschah es, dass Josef und Maria Jesum aus den Augen verloren. Dabei setzten sie voraus, dass er sich in der Reisegesellschaft, etwa bei den Jünglingen aus Galiläa, befinde. Josef konnte auch denken, dass der Knabe an der Seite seiner Mutter wäre, Maria, dass er mit Josef reiste. Wie erschraken sie aber, als sie nach der ersten Tagreise zur Nachtherberge kamen, wo sich die Familienglieder wieder gegenseitig aufsuchten und sammeltn, und sie Jesum nirgends fanden. Den hl. Josef ergriff eine unbeschreibliche Angst und namenlos war das Weh der seligsten Jungfrau. Wo ist der Knabe, den Gott uns zur Obhut anvertraut hat; haben wir ihn betrübt, dass er uns verließ; hat er vielleicht seinen Geburtsort in Bethlehem besucht und es uns verheimlicht; hat König Archelaus eine Gelegenheit erspäht, ihn zu ergreifen? Ähnliche beunruhigende Gedanken erfüllten die liebenden Herzen Josefs und Marias. Sie kehrten nach Jerusalem zurück und suchten tiefbekümmert Jesum in allen Straßen und auf den öffentlichen Plätzen, bis sie ihn am dritten Tage im Vorhofe des Tempels fanden, wo er unter den Gesetzeslehrern saß, sie mit Aufmerksamkeit anhörte und verschiedene Fragen an sie richtete. Dabei bekundete er einen so durchdringenden Verstand, dass alle über seine Fragen und Antworten staunten. Auch Josef und Maria verwunderten sich, dass er schon in diesem Alter und in dieser Weise die Strahlen seines göttlichen Lichtes leuchten ließ. Zugleich aber suchte Maria ihr gedrücktes Herz zu erleichtern, indem sie zu ihm sprach: „Kind, warum hast du uns das getan, dass du dich ohne unser Vorwissen entfernt hast; siehe, ich und dein Vater suchten dich unter großer Bekümmernis?“ Diese Frage, die Maria auch im Namen Josefs gestellt, enthielt keinen Vorwurf, sondern war nur der Ausdruck eines liebevollen, bekümmerten Herzens; zugleich lag darin ein ehrerbietiges Forschen nach der Ursache des Zurückbleibens Jesu. In zärtlicher Besorgnis für seine Eltern erwidert Jesus: „Warum habt ihr mich doch so ängstlich und mit Schmerzen gesucht, warum euch um meinetwillen soviel Unruhe gemacht? Ihr wisset ja, dass ich hinsichtlich meiner erhabenen Bestimmung, die Welt zu erlösen, in allem den Willen meines himmlischen Vaters erfüllen muss, und unabhängig bin von Vater und Mutter.“ Josef und Maria glaubten dem Worte Jesu, obwohl sie es nicht vollkommen verstanden und nicht wussten, wie das, was er soeben getan, mit seinem Berufe der Welterlösung zusammenhänge.

Nachdem der Knabe Jesus in Jerusalem einen kleinen Strahl seiner göttlichen Erkenntnis hatte leuchten lassen, kehrte er in die stille Verborgenheit seines elterlichen Hauses in Nazareth zurück und war seinen Eltern in allem untertan. Sie aber vergaßen n icht auf die Worte, die er zu ihnen gesprochen, sondern bewahrten sie treu im Herzen und dachten öfters darüber nach. In der Verborgenheit zu Nazareth nahm Jesus mit dem fortschreitenden Alter immer mehr zu an der geistigen Vervollkommnung, offenbarte immer heller die ihm innewohnende göttliche Weisheit und die über ihm ruhende göttliche Gnade, und war immer wohlgefälliger vor Gott und den Menschen.37

Im übrigen lebte die heilige Familie in Armut. Josef hatte kein Vermögen, denn seine ehemals reichen Vorfahren aus königlichem Geschlechte waren im Laufe der Zeit in tiefste Armut herabgesunken. Maria offenbarte es selbst der hl. Brigitta: „Als wir in großen Bedürfnissen waren, verschaffte uns Gott manchmal kein Geld, sondern ermahnte uns zur Geduld, und wir wurden so immer geschützt vor den Missgünstigen. Unser Notwendiges bekamen wir bisweilen durch das Mitleiden guter Seelen und zuweilen mittelst unserer Arbeit, so dass wir die notdürftigsten Dinge zum Lebensunterhalte doch hatten. Was wir an Speise erübrigten, gaben wir den Armen, dankten Gott und suchten nichts Anderes, als Gott allein zu dienen.“38 Einer anderen Heiligen offenbarte Maria: „Unsere Nahrung war schlecht und dürftig, und die Fasttage, deren wir viele hatten, hielten wir mit großer Strenge. Wir aßen niemals Fleisch das ganze Jahr hindurch, ausgenommen das Osterlämmchen, und wenn wir zu Gaste eingeladen waren, denn in dergleichen Fällen wollten wir uns lieber den andern Leuten gleich machen, um bessere Gelegenheit zu haben, Seelen zu gewinnen.“39

Trotzdem lebte die heilige Familie in tiefstem Frieden. War doch Jesus, der Gott des Friedens, in ihrer Mitte. Das Herz Mariens war in der reinsten Liebe mit Jesus und Josef vereinigt und kannte keine Abneigung und keine Leidenschaft. Josef war in der treuesten Liebe Mariä zugetan und verwaltete sein Amt als Haupt der Familie mit Sorgfalt und Zartheit. „Josef diente mir so treu“, sprach die Mutter Gottes zur hl. Brigitta, „dass niemals aus seinem Munde ein leichtfertiges oder unwilliges Wort hervorkam, denn er war sehr geduldig in der Armut, sorgfältig in der Arbeit, sanftmütig gegen seine Beleidiger und ein vollkommen treues Zeugnis der Wunderwerke Gottes.“40

Weil die heilige Familie zurückgezogen in ihrem kleinen Hause lebte, gegen jedermann freundlich und dienstfertig und gegen Notleidende barmherzig war, hatte sie auch jedermann lieb. Sie galt den Einwohnern von Nazareth als Vorbild einer guten Familie. Besonders wurde J e s u s wegen seiner Bescheidenheit, seines Gehorsams und seiner Liebenswürdigkeit der Jugend zum Muster vorgestellt. Die Eltern wussten kein besseres Mittel, ihre Kinder vom Bösen abzuhalten, als die Drohung: Wir sagen es dem Sohne Josefs, wenn du nicht gehorsam, eingezogen, arbeitsam … bist.41 Die heilige Familie war in der Tat ein Heiligtum des Friedens, in welcher das einmütige Streben, alle Tugenden aufs vollkommenste zu üben, sichtbar war.

Josefs letzte Lebensjahre und Tod.

Das abgetötete Leben, die Sorgen, Arbeiten und Reisen hatten die Kräfte des hl. Josef gebrochen. Als Maria das dreiunddreißigste Lebensjahr erreicht hatte, war Josefs Äußere schon ziemlich verfallen und man hätte ihn für viel älter halten können, als er war. In den letzten Lebensjahren wurde er mit verschiedenen körperlichen Leiden heimgesucht: Fieber, Kopfschmerzen, Seitenstechen. Acht Jahre hindurch kränkelte er, und in den drei letzten Jahren war er vollständig krank. Maria war immer um ihn und bediente ihn. Um ihn sorgfältiger pflegen und um ihm bessere Speisen bereiten zu können, arbeitete sie unermüdet, spann Wolle und verfertigte Leinwand. Häufig bat sie den Herrn, er möchte ihr die Schmerzen auferlegen, die Josef erduldete, und dankte Gott, einen so guten Mann zu haben.

Das Handwerk hatte Josef nach der Erkrankung niedergelegt und es Jesus überlassen, und widmete sich nun ganz der Betrachtung göttlicher Dinge. Öfters bat Jesus seinen Nährvater, er möge in seinen Armen ein wenig ausruhen. Damit wollte er sich für die liebevolle Sorgfalt erkenntlich zeigen, die ihm Josef besonders in der Kindheit bewiesen hatte. Mit Tränen in den Augen nahm Josef den Liebesdienst an und wurde dabei wunderbar getröstet und erquickt.42 Als er etwa sechzig Jahre alt war, nahte der Tod heran. Dass er vor Jesus und Maria starb, ist allgemein anerkannt. Der sterbende Erlöser hätte seine allerheiligste Mutter nicht unter den Schutz des hl. Johannes gestellt, wenn Josef noch am Leben gewesen wäre. Es ist höchst wahrscheinlich, dass der große Heilige starb, noch bevor sein göttlicher Pflegesohn öffentlich zu lehren begann. An der Hochzeit zu Kana in Galiläa nahmen Jesus und Maria teil, von Josef geschieht keine Erwähnung (Joh. K. 2).

Dass sein Tod ein glückseliger war, dürfen wir keinen Augenblick bezweifeln, denn er starb in den Armen Jesu und Mariä. Als der Erlöser noch ein Kind war, wurde er oft von seinem Nährvater getragen und beschützt, besonders auf der Flucht nach Ägypten und bei der Rückkehr nach Nazareth. Josef sorgte für Jesus wie ein liebevoller Vater, solange er ihn bei sich hatte. Wer könnte darum zweifeln, dass Josef, an seinem irdischen Ziele angelangt, von seinem göttlichen Sohne auf der Reise in das Jenseits getragen und in den Schoß Abrahams gelegt wurde? „Sicherlich“, schreibt der hl. Franz von Sales, „ist Josef von seinem Sohne, dem allzeit sein Herz gehörte, in der Todesstunde mit Kraft und Zuversicht erfüllt worden, denn es steht geschrieben: Selig sind die Barmherzigen, weil sie Barmherzigkeit erlangen werden…“ So schön war dieser Tod, dass sogar die Engel ihn sterben wollten, wenn sie ihn sterben könnten.43 

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Quellenangaben zum ersten Abschnitt.

1 Matth. 1, 1-16. Vgl. Luk. 2, 4. — 2 Luk. 2, 4. — 3 Matth. 1, 16. — 4 Luk. 3, 23. — 5 Suarez Disp. II. Sect. III, 9. — 6 Matth. 13, 15. — 7 Vgl. SuarezDisp. VIII. — 8 Matth. 1, 18. — 9 Luk. 1, 26 ff. — 10 Matth. 1, 19. — 11 Matth. 1, 20. — 12 Vgl. J. Bouvy, Leben des hl. Josef, 4. Hpstst. — 13 Suarez Disp. V. Sect. IV, 9. — 14 Vgl. Suarez quest. XXIX. art. I. in corp. — 15 Vgl. Matth. 1, 18-24. – 16 Mich. 5, 2. — 17 Vgl. Esercizii spirituali di St. Ignazio. Contemplazione della Nativitá. — 18 Luk. 2, 6. 7. — 19 Luk. 2, 8-17. — 20 Matth. 1, 21. — 21 Vgl. Leben der ehrw. Margaretha vom heiligsten Sacramente, S. 248, 249. — 22 3 Mos. 12, 6-8. — 23 Luk. 2, 22-24. — 24 Vgl. Luk. 2, 25-35. — 25 Matth. 2, 1-12. — 26 Matth. 2, 3. 8. 12. 13. — 27 Matth. 2, 13. — 28 Ott, Josefibuch, S. 17. — 29 Vgl. Leben der seligsten Jungfrau, nach Katharina Emmerich, S. 318. — 30 Ebendas., S. 317. — 31 Vgl. Leben der ehrwürd. Margaretha, S. 252; Maria von Agreda, die geheimnisvolle Stadt Gottes, I. Th., S. 352. — 32 Schegg, „Gedenkbuch“, München 1867. — 33 Die geheimnisvolle Stadt Gottes, I. Th., S. 363. — 34 Matth. 2, 19-23. — 35 Luk. 2, 40. — 36 2 Mos. 23, 14. 15.; 5 Mos. 16, 1. 2. — 37 Vgl. Luk 2, 41-52. — 38 Leben der ehrw. Margaretha vom heiligsten Sacramente, S. 244. — 39 Katharina Emmerich, Leben der seligsten Jungfrau, S. 138, 151; Maria Agreda, die geheimnisvolle Stadt Gottes, II. Th., S. 18. — 40 Cochem, Das große Leben Christi, I. Th., S. 516. — 41 Ott, Josefibuch, S. 356. — 42 Vgl. Mistica Città di Dio. Part. IV. lib. V c. XIII et XIV. Part. II. lib. V c. XV et XVI. — 43 Vgl. J. Groß, St. Josefs Blumengärtlein, S. 245, 282.

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Aus: Dr. Alois Cigok, Der Heilige Josef. Ein Erbauungs- und Andachtsbuch, Klagenfurt 1896, S. 1-26.

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