Theresia von Avila: Keine Macht der Erde kann uns zu Herren machen

Was der Mensch hat, das hat ihm Gott aus Gnade gegeben, nicht aus Schuldigkeit. Darum wird keiner, der sich selber kennt, sich jemals schwer gegen Gott versündigen noch in Hochmut geraten wegen seines Adels oder seiner Vornehmheit oder seiner Stellung. Selbst wenn er die ganze Welt beherrschte, würde er sich als nichtig betrachten, denn er ist dem Tode verfallen wie die elendeste Kreatur. Und so vergehen auch die leeren Lüste der Welt und schwinden für ihn wie für andere; er kann sie nicht halten noch verhindern, daß Leben, Gesundheit und alles Irdische vorübereilt wie der Wind. Deshalb kann keine Macht, die wir auf dieser Erde haben, uns zu Herren machen. Denn wie sollte ich Macht nennen, was mir genommen werden kann und meiner Willkür nicht überlassen ist? Mir scheint, daß ich mich nicht Herr einer solchen Macht nennen noch dafür halten kann, sondern eher als ihren Nutznießer, und auch das nur für eine Zeitlang und nicht für immer, nur solange es unserem huldreichen Herrn gefällt. Wenn ihr mir aber sagtet: Hat denn der Mensch keinerlei Macht in diesem Leben?, so antworte ich euch: Ja, er hat die süßeste und schönste und stärkste, die es gibt: dies ist die Burg unserer Seele. Gibt es denn etwas Größeres und Erhabeneres als diese Stätte Gottes, der alles Gute in sich faßt und in dem Friede, Ruhe und jeglicher Trost sich findet?

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Zitiert nach: Alfons Heilmann, Meditationen großer Gottesfreunde, Perlen christlicher Mystik, Verlag Herder Freiburg i. Br. 1963, S. 44 f. – Imprimatur

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Sonett an Christus den Gekreuzigten / Soneto a Cristo crucificado

Gekreuzigter Christus. Gemälde von Diego Velázquez um 1632, Öl auf Leinwand (Foto: wikimedia commons)

Sonett

Kein Himmel trieb mich, Gott, Dich so zu lieben,
Obwohl Du mir den Himmel fest verhießen,
Auch nicht von Höllenfurcht bin ich getrieben,
Mein ganzes Herz in Deines einzuschließen,

Nur Du allein, mein Gott, aus dessen sieben
Heiligen Wunden Ströme Blutes fließen,
Bloß weil Du gingst, für uns es auszugießen –
Dafür ist Dir am Kreuz nur Schmach geblieben -,

Nur Du allein bewegst so sehr mein Lieben,
Daß ich Dich liebte, stünd kein Himmel offen,
Und wär auch keine Rettung mehr zu hoffen,

Erwidertest Du all mein Flehn mit Hieben,
Hätt‘ nie ein Strahl der Gnade mich getroffen:
Auch dann laß, Gott, mein Herz in Deins zerstieben.

Quelle: Walther Tritsch (Hrsg.), Christliche Geisteswelt – Band II: Die Welt der Mystik, Hanau 1986, S. 257

Das Sonett an Christus den Gekreuzigten ist von einem anonymen Autor verfasst, wird aber oft der hl. Theresia von Avila zugeschrieben.

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Teresa von Avila: Hingabe in die Hände Gottes – „Dein bin ich, für dich geboren…“

Hingabe in die Hände Gottes

Dein bin ich, für dich geboren,
Was begehrst du, Herr, von mir?

1. Herr des Himmels und der Erde,
Weisheit du von Ewigkeit,
Höchstes Gut, Dreieinigkeit,
Meiner Seele Güte, Hoheit!
Schau auf meine große Armut,
Heute singt die Liebe dir.
Was begehrst du, Herr, von mir?

2. Dein bin ich, du schufest mich,
Dein, du hast erlöset mich,
Dein, du hast ertragen mich.
Dein, du hast berufen mich,
Dein, du hast erhalten mich,
Dein, nicht ging verloren ich.
Was willst machen du aus mir?

3. Was befiehlst du, guter Meister,
Das dein armes Kind verpflichtet?
Welches Amt hast du verliehen
Diesem sündbefleckten Knechte?
Sieh mich hier, o süße Liebe,
Süße Liebe, sieh mich hier!
Was begehrst du, Herr, von mir?

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